Kognitives Training als wirksame Therapieoption bei Alzheimer-Demenz, Multipler Sklerose, Long COVID und ME/CFS
Kognitives Training gewinnt in der Behandlung und Begleitung neurologischer Erkrankungen zunehmend an Bedeutung. Zwar kann es die zugrunde liegenden Krankheitsprozesse nicht aufhalten, doch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass gezielte geistige Übungen dazu beitragen können, kognitive Fähigkeiten länger zu erhalten, den Alltag besser zu bewältigen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Alzheimer-Demenz
Bei der Alzheimer-Demenz stehen Gedächtnisverlust, Aufmerksamkeitsstörungen und Einschränkungen der Orientierung im Vordergrund. Kognitives Training nutzt die Fähigkeit des Gehirns zur Neuroplastizität – also die Möglichkeit, neuronale Netzwerke durch wiederholte Aktivierung anzupassen und effizienter zu nutzen. Spezifische Übungen trainieren unter anderem Gedächtnis, Konzentration, Sprache und Problemlösefähigkeiten.
Mehrere Studien und systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass regelmäßiges, individuell angepasstes Training insbesondere in frühen und mittleren Krankheitsstadien dazu beitragen kann, den Abbau kognitiver Funktionen zu verlangsamen und alltagsrelevante Fähigkeiten länger zu erhalten. Eine viel zitierte Cochrane-Analyse von Bahar-Fuchs et al. (2019) kommt zu dem Schluss, dass kognitives Training positive Effekte auf Gedächtnis, Denken und Aktivitäten des täglichen Lebens haben kann.
Darüber hinaus berichten viele Betroffene von einem gesteigerten Selbstvertrauen und einer höheren Selbstständigkeit im Alltag. Entscheidend ist dabei, dass die Übungen weder über- noch unterfordern und möglichst an den persönlichen Interessen und Fähigkeiten anknüpfen.
Multiple Sklerose (MS)
Auch Menschen mit Multipler Sklerose profitieren häufig von kognitivem Training. Bis zu zwei Drittel aller MS-Patientinnen und -Patienten entwickeln im Verlauf der Erkrankung Einschränkungen der Aufmerksamkeit, der Informationsverarbeitung, des Arbeitsgedächtnisses oder der exekutiven Funktionen. Diese Beeinträchtigungen können bereits früh auftreten und den beruflichen sowie privaten Alltag erheblich erschweren.
Untersuchungen zeigen, dass strukturierte Trainingsprogramme die Verarbeitungsgeschwindigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung verbessern können. Besonders wirksam erscheinen computergestützte Trainingsprogramme, die sich dem individuellen Leistungsniveau anpassen und regelmäßiges Üben ermöglichen. Die größten Erfolge werden meist erzielt, wenn das kognitive Training mit körperlicher Aktivität, einer konsequenten Behandlung der Grunderkrankung sowie Maßnahmen zur Stressbewältigung kombiniert wird.
Long COVID
Kognitive Einschränkungen wie Konzentrationsprobleme, verlangsamtes Denken oder Gedächtnisstörungen zählen zu den häufigsten Beschwerden nach einer COVID-19-Erkrankung. Lange fehlten wissenschaftlich belegte Therapieansätze.
Eine aktuelle randomisierte kontrollierte Studie (JAMA Network Open, 2026) liefert nun vielversprechende Ergebnisse: Eine individuell auf persönliche Alltagsziele ausgerichtete kognitive Rehabilitation führte bei Menschen mit Long COVID zu einer deutlich besseren Bewältigung alltäglicher Aufgaben als die übliche Behandlung. Die Verbesserungen waren auch sechs Monate nach Beginn der Therapie noch nachweisbar. Die Forschenden betonen, dass insbesondere alltagsnahe Strategien und individuell abgestimmte Übungen den Betroffenen helfen, ihre vorhandenen kognitiven Ressourcen effizienter einzusetzen und wieder mehr Selbstständigkeit im Alltag zu gewinnen.
Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer strukturierten kognitiven Rehabilitation bei Long COVID und bestätigen die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), wonach alltagsorientierte Trainingsprogramme einen wichtigen Baustein der Behandlung darstellen können.
ME/CFS
Eine besondere Herausforderung stellt ME/CFS dar. Viele Betroffene leiden unter sogenannten “Brain Fog”-Symptomen mit Konzentrationsstörungen, verlangsamtem Denken und eingeschränkter Merkfähigkeit. Anders als bei Alzheimer oder MS steht hier jedoch die ausgeprägte Belastungsintoleranz (Post-Exertional Malaise, PEM) im Vordergrund. Bereits geringe körperliche oder geistige Anstrengungen können zu einer deutlichen Verschlechterung der Beschwerden führen.
Ziel ist deshalb nicht eine Leistungssteigerung um jeden Preis, sondern die möglichst effiziente Nutzung vorhandener kognitiver Ressourcen, ohne eine Überlastung auszulösen. Kurze Trainingseinheiten mit ausreichenden Erholungsphasen sowie Strategien des sogenannten Pacing haben sich hierbei als sinnvoll erwiesen. Individuell angepasste kognitive Übungen können helfen, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und die Bewältigung alltäglicher Anforderungen zu unterstützen. Voraussetzung ist jedoch stets, dass das Training innerhalb der persönlichen Belastungsgrenzen erfolgt.
Fazit
Insgesamt zeigt die Forschung, dass kognitives Training eine wertvolle Ergänzung moderner Behandlungskonzepte bei neurologischen Erkrankungen darstellt. Die größten Erfolge werden erzielt, wenn das Training frühzeitig beginnt, regelmäßig durchgeführt und individuell an die Bedürfnisse der Betroffenen angepasst wird.
Dabei sollte stets berücksichtigt werden, dass kognitives Training keine Heilung bewirken kann. Vielmehr geht es darum, vorhandene Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten, kompensatorische Strategien zu entwickeln und die Teilhabe am täglichen Leben zu fördern. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse – insbesondere im Bereich Long COVID – zeigen, dass gezielte kognitive Rehabilitation zunehmend evidenzbasiert eingesetzt werden kann und Betroffenen dabei hilft, ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alltag zu verbessern.
Literatur
Bahar-Fuchs A, Martyr A, Goh AM, Sabates J, Clare L. Cognitive training for people with mild to moderate dementia. Cochrane Database Syst Rev. 2019 Mar 25;3(3):CD013069. doi: 10.1002/14651858.CD013069.pub2. PMID: 30909318; PMCID: PMC6433473.
Vanova M, Patel AMR, Scott I et al. Cognitive Rehabilitation and Functional Outcomes in Long COVID-Related Cognitive Impairment: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2026 Jul 1;9(7):e2620687.
